Bildhauer · Scultore · Sculptor
Dialoge Sense — Nussholz · 25 × 48 cm
Text

ich und du: wir

Ein Essay von Marco Forni über die Arbeiten von Roland Perathoner — über den Dialog, das Holz und den leeren Schoß der sitzenden Figuren.

Aus dem Katalog „Roland Perathoner — Scultore Bildhauer Sculptor“, 2026 · Abdruck mit Zustimmung des Autors

Bereits seit unserer Geburt erben und tragen wir Fragmente des Lebens anderer, die vor uns diese Erde bewohnt haben, in uns.

Wen brauchen wir? Uns selbst, natürlich, aber auch die anderen. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir uns selber besser kennenlernen; dadurch geben wir uns nicht mehr damit zufrieden, die Zeit auf dieser Erde nur aufzubrauchen.

Unser Sein und unser Leben nehmen in der Einsamkeit kaum Form an. Wir entwickeln unsere Fähigkeiten, unser Bewusstsein und unser Wissen ununterbrochen weiter, indem wir mit denjenigen, die um uns herum leben, in Verbindung treten. Wir essen Speisen, die von anderen Menschen zubereitet wurden, tragen Kleidung, die von anderen hergestellt wurde und bewohnen Häuser, die durch die Arbeit anderer entstanden sind. Ein Großteil dessen, was wir wissen und was wir glauben, wurde uns von anderen beigebracht, in einer Sprache, die von anderen geschaffen wurde, wie Albert Einstein einst schrieb und es so auf den Punkt brachte.

Dialog – Balance — Zirbelkiefer, gefasst · 54 × 32 cm
Dialog – Balance · Zirbelkiefer, gefasst · 54 × 32 cm

Ein Dialog ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Personen. Wir können einen Dialog mit jemandem aufnehmen, aber auch mit uns selbst, mit unseren Gedanken und Bedürfnissen.

Roland stellt in seinen Werken einen versäumten, verschlossenen, erhofften Dialog dar. Meistens findet er zwischen zwei Personen statt; die dritte Person ist diejenige, die innehält und seine Werke in Nuss- oder Zirbelholz betrachtet. Das Nussholz ist edel, das Zirbelholz ist heimisch und riecht nach unserer Heimat, wo Roland seine Wurzeln zu haben verspürt.

Ein Dialog ist auch ein zweistimmiges Musikstück. In einem Dialog kann eine gewisse Harmonie oder aber eine Dissonanz entstehen, so wie auch in der Musik.

Auch Musiker, Instrumentenspieler, werden von Roland in Holz geschnitzt. Nur wenn ein Instrument in die Hand genommen und gespielt wird, wird es lebendig. Anderenfalls bleibt es liegen, wie ein Werkzeug, das nicht funktionsgerecht benutzt wird.

Üblicherweise sagt man: „Dieser Schnitzer ist wirklich begabt“. Doch nicht jeder gibt sich damit zufrieden; bei manch einem schleicht sich mit der Zeit eine gewisse Routine ein, die auch ein gewisses Maß an Sicherheit mit sich bringt. Und doch kann man diesem Schleier von Unbehagen nicht entkommen, der sich nach und nach festkeilt wie ein abgestumpftes Schnitzmesser, das man nicht mehr im Griff hat, da es nicht übereinstimmt mit dem, was man in sich fühlt.

Auch Roland hat das Bedürfnis verspürt sich von dieser erlernten Sicherheit, wie man ein gewisses Werk zu Ende bringt, zu distanzieren. Er hat damit angefangen loszulassen, aufzuräumen, um auch essenziellere Formen aufzunehmen und sich seiner inneren Welt zu widmen, sich von seinem äußeren Schutz, den jeder sieht ohne ihn genauer anzuschauen, zu befreien. Dies sticht vor allem bei den stilisierten Formen in Nussholz hervor. Die Figuren in Zirbelholz nehmen realistischere Züge an. Manchmal sind auch einzelne Farbflecken zu sehen, die ein Hauch eines Gefühls, eine Reaktion erwecken, die sich nicht mit den feststehenden Ausdrücken unseres Sprachrepertoires in Worte fassen lässt.

Rolands Ideen nehmen ihre Form zunächst in Ton an, da man diesen andauernd ändern und ihm eine andere Form geben kann. So kann das Werk einigermaßen mit dem von innen kommenden Bedürfnis in Übereinstimmung gebracht werden. Beim Schnitzen in Holz ist man gebundener; wenn man das Holz einmal bearbeitet, nimmt es gewisse Züge an, eine Form, die man nicht mehr sichtlich ändern kann.

Manch ein Werk entwirft man, doch man bleibt dann damit auf der Strecke: Es scheint unmöglich, damit fertig zu werden; deswegen legt man es beiseite und wird es später – wenn es sich so zuträgt – wieder hernehmen, sobald die Zeit dafür reif ist, eines Tages, wann immer das auch sein wird.

Die kleinen Figuren aus Nussholz – fast so als ob sie nicht im Wege stehen wollten – sind im Sitzen dargestellt und haben oft einen leeren Schoß – wie die Apsis einer Kirche, die in ihrer Form an eine Umarmung erinnert, die man manchmal vergisst zu geben. Ein ausgeschnitzter Schoß, der uns still dazu auffordert, sich entgegenzukommen und noch einmal die Gelegenheit zu gebären, miteinander zu kommunizieren und sich gegenseitig zuzuhören.

Manchmal ist man sich körperlich nahe und mit den eigenen Gedanken doch so fern. Man versteckt sich hinter leeren Worten, die man sich auch durch das Handy zuflüstern kann, womit man immer mit der ganzen Welt verbunden zu sein meint, um nicht mit sich selbst in Kontakt zu treten, mit der eigenen inneren Stimme.

Die dargestellten Situationen – Alltagsszenen zweier Personen wie wir – rufen uns in unsere Einsamkeit zurück nachdem wir, womöglich, mit einer alltäglichen Sorge zu kämpfen hatten.

Roland stellt eine Abfolge, eine Situation dar, in der man nur mühsam aufeinandertrifft. Er vermag es jedoch nicht mit dem Finger auf dieses Unbehagen des Unausgesprochenen zu zeigen und von oben herab zu beurteilen. Er lädt vielmehr dazu ein, sich darüber im Stillen Gedanken zu machen. Jeder soll die Freiheit haben, darüber nachzudenken und sich seine eigene Meinung zu bilden.

Manchmal würde ein einziges Wort reichen, um im Dialog zu treten. Die richtigen Worte lassen sich aber nicht finden und die Missverständnisse gedeihen zusehends, sodass man sich immer weiter vom anderen entfernt bewegt und sich ohnmächtig fühlt.

In unserem Alltagsgeschehen kann uns eine allgemeingültige Regel zugutekommen. Man sollte nie damit aufhören, sich Fragen zu stellen, um sich eine andere Sichtweise anzueignen, und die Antworten, die man meint zu kennen, vergessen. So kann man weitersuchen und einer Idee, einem Gedanken, einem Gefühl oder einer Emotion Form geben. Man sollte immer den eigenen Tatendrang und die Kreativität nähren, mit den anderen in Verbindung treten, um sich selbst immer wieder besser kennenzulernen.

Marco Forni

Die Einleitung des Katalogs

Die Geschichte des Lebens führt durch das Werk von Roland Perathoner, einem Bildhauer, der Holz und Bronze gleichermaßen bearbeitet, um seine symbolischen Figuren zu schaffen.

Es geht ihm nicht darum, einfach Holzwerke zu schnitzen oder zu schmieden, sondern eine oder mehrere Situationen zu erzählen.

So erscheinen seine Musiker oder die sitzenden Figuren, seelenruhig in der Betrachtung der Welt versunken. Diese Werke sind meistens klein und heben sich von abstrakten Hintergründen ab, so als ob es sich um Theaterkomödianten handelt, die sich anschicken, den kontinuierlichen Rhythmus des Daseins zu feiern.

Einleitung des Katalogs „Roland Perathoner — Scultore Bildhauer Sculptor“, 2026

Häufige Fragen

Wer hat diesen Text geschrieben?

Marco Forni, Sprachwissenschaftler und Lexikograf des Grödner Ladinischen am Istitut Ladin „Micurà de Rü“. Er hat den Essay „ich und du: wir“ für den gedruckten Katalog von Roland Perathoner verfasst. Der Abdruck auf dieser Seite erfolgt mit seiner Zustimmung.

Worum geht es in dem Essay?

Um den Dialog als Thema der Arbeiten: um zwei Figuren, die einander meinen und doch aneinander vorbeihören. Forni schreibt über das edle Nussholz und das heimische Zirbelholz, über den Weg vom veränderlichen Tonmodell in das unwiderrufliche Holz und über den leeren Schoß der sitzenden Figuren, der an eine Umarmung erinnert, die man manchmal vergisst zu geben.

Wo ist der Text zuerst erschienen?

Im Katalog „Roland Perathoner — Scultore Bildhauer Sculptor“ von 2026, gefördert von der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol, Ladinische Kultur. Der Katalog ist viersprachig — ladinisch, deutsch, italienisch und englisch. Gestaltung: Benno Perathoner, Druck: Typak.

Kontakt

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Via Col da Lech Straße 20
I-39048 Wolkenstein in Gröden (BZ)
+39 333 720 28 28
roland.perathoner@gmail.com
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Anfahrt

Die Werkstatt liegt in Wolkenstein in Gröden an der Straße Col da Lech, oberhalb des Ortszentrums. Von der Grödner Staatsstraße SS242 kommend geht es im Ort rechts hinauf; aus Bozen sind es rund vierzig Minuten über Waidbruck und St. Ulrich, vom Grödner Joch etwa zwanzig. Wer ohne Auto kommt: Der Linienbus 350 hält im Ortszentrum, von dort sind es zehn Minuten zu Fuß bergauf. Vor dem Haus lässt sich parken.